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D wie Diversity – Warum Vielfalt und Teilhabe die Bauausbildung stärken

Frauen im Bauhandwerk, junge Menschen mit Einwanderungsgeschichte, Menschen mit Behinderungen oder unterschiedlichen Bildungswegen: Die Bauwirtschaft verfügt über ein breites Potenzial an zukünftigen Fachkräften. Doch wie können Ausbildungsbetriebe dieses Potenzial besser erschließen? Und welche Erkenntnisse liefern aktuelle Studien über Chancengerechtigkeit und berufliche Teilhabe?

Diversity: Was bedeutet Vielfalt in der Bauwirtschaft?

Diversity beschreibt die Vielfalt menschlicher Eigenschaften, Erfahrungen und Lebenssituationen.

Dazu gehören beispielsweise Geschlecht, Alter, kulturelle und soziale Herkunft, Behinderung, unterschiedliche Bildungswege sowie individuelle Fähigkeiten und Perspektiven.

Im beruflichen Kontext geht es nicht nur darum, Unterschiede wahrzunehmen. Entscheidend ist, ob Menschen unabhängig von persönlichen Merkmalen faire Möglichkeiten erhalten, ihre Fähigkeiten einzubringen und sich beruflich weiterzuentwickeln.

Für die Bauwirtschaft ist das von besonderer Bedeutung.

Die Branche benötigt qualifizierte Fachkräfte für zahlreiche Tätigkeitsfelder – vom klassischen Bauhandwerk über technische und kaufmännische Berufe bis hin zu digitalen Planungs- und Steuerungsaufgaben.

Eine vielfältige Ausbildungskultur kann dazu beitragen, zusätzliche Zielgruppen anzusprechen und berufliche Entwicklungsmöglichkeiten zu eröffnen.

Was zeigen aktuelle Studien?

Der Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2025 des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) widmet sich schwerpunktmäßig dem Thema „Einwanderungsgesellschaft“.

Die Auswertungen zeigen, dass junge Menschen mit Einwanderungsgeschichte einen bedeutenden Teil der nachwachsenden Generation ausmachen.

Im Jahr 2023 lag ihr Anteil unter den 15- bis 19-Jährigen in Deutschland bei rund 29 Prozent.

Gleichzeitig untersucht die Berufsbildungsforschung unterschiedliche Voraussetzungen und Schwierigkeiten beim Übergang von der Schule in eine berufliche Ausbildung.

Für Ausbildungsbetriebe ergibt sich daraus eine wichtige Frage:

Erreichen unsere bisherigen Wege der Berufsorientierung und Nachwuchsgewinnung tatsächlich alle Menschen, die für einen Bauberuf geeignet sein könnten?

Die OECD betont im Skills Outlook 2025, dass die stärkere Beteiligung bislang unterrepräsentierter Gruppen an beruflicher Bildung dazu beitragen kann, berufliche Geschlechtertrennungen zu verringern und Talente in unterschiedlichen Wirtschaftsbereichen zu erschließen.

Chancengerechtigkeit beginnt vor dem Ausbildungsstart

Berufliche Teilhabe beginnt nicht erst mit dem ersten Ausbildungstag.

Bereits Berufsorientierung, Praktikumsangebote, Stellenausschreibungen und Auswahlverfahren beeinflussen, wer Zugang zu einer Ausbildung erhält.

Traditionelle Vorstellungen darüber, welche Menschen für bestimmte Bauberufe geeignet seien, können dabei einschränkend wirken.

Eine offene Ansprache, nachvollziehbare Auswahlkriterien und vielfältige berufliche Vorbilder können helfen, solche Hürden abzubauen.

Das betrifft beispielsweise junge Frauen, Menschen mit internationaler Familiengeschichte oder Jugendliche, deren schulische Leistungen ihre praktischen Fähigkeiten nicht vollständig widerspiegeln.

Gerade praktische Erprobungsphasen können zusätzliche Möglichkeiten bieten, Motivation, Geschick und Entwicklungspotenzial sichtbar zu machen.

Lernpsychologie: Warum Zugehörigkeit das Lernen beeinflussen kann

Die Lern- und Motivationspsychologie zeigt, dass soziale Beziehungen, wahrgenommene Kompetenz und Selbstbestimmung wichtige Bedingungen für Motivation darstellen.

Ein grundlegender wissenschaftlicher Ansatz ist die Selbstbestimmungstheorie von Edward Deci und Richard Ryan.

Sie beschreibt drei psychologische Grundbedürfnisse:

  • Autonomie – das Erleben von Selbstbestimmung,

  • Kompetenz – das Gefühl, Anforderungen bewältigen zu können,

  • soziale Eingebundenheit – das Erleben von Zugehörigkeit.

Für die Bauausbildung lassen sich daraus praktische Anregungen ableiten.

Wer sich im Ausbildungsteam akzeptiert fühlt, Fragen stellen darf und konstruktive Rückmeldungen erhält, findet günstigere Bedingungen für motiviertes Lernen vor.

Eine wertschätzende Lernumgebung bedeutet dabei nicht, Leistungsanforderungen zu reduzieren.

Vielmehr geht es darum, unterschiedliche Voraussetzungen zu berücksichtigen und gleichzeitig die Entwicklung beruflicher Handlungskompetenz zu fördern.

Inklusion: Ausbildung zugänglich gestalten

Vielfalt und Inklusion sind eng miteinander verbunden, aber nicht gleichbedeutend.

Während Diversity die Unterschiedlichkeit von Menschen beschreibt, zielt Inklusion darauf ab, gleichberechtigte Beteiligung zu ermöglichen und Barrieren abzubauen.

In der Bauausbildung können solche Barrieren beispielsweise in schwer verständlichen Lernmaterialien, fehlenden Unterstützungsangeboten oder nicht ausreichend angepassten Ausbildungsbedingungen bestehen.

Dabei müssen die fachlichen Anforderungen und insbesondere die Arbeitssicherheit gewährleistet bleiben.

Mögliche Maßnahmen sind verständliche Arbeitsanweisungen, individuelle Lernbegleitung, geeignete technische Hilfsmittel und die Zusammenarbeit mit spezialisierten Beratungs- und Unterstützungsstellen.

Entscheidend ist eine differenzierte Betrachtung der jeweiligen Fähigkeiten, Anforderungen und Unterstützungsmöglichkeiten.

Führung: Vielfalt braucht eine konstruktive Teamkultur

Ob Vielfalt im Arbeitsalltag als Bereicherung erlebt wird, hängt wesentlich von der Zusammenarbeit und Führung ab.

Ausbilderinnen, Ausbilder und Führungskräfte prägen durch ihr Verhalten, wie mit unterschiedlichen Erfahrungen, Meinungen und Lernvoraussetzungen umgegangen wird.

Eine respektvolle Kommunikation, transparente Entscheidungen und ein konstruktiver Umgang mit Fehlern können eine vertrauensvolle Zusammenarbeit unterstützen.

Auch die Forschung zur psychologischen Sicherheit liefert hierzu wichtige Anregungen.

Psychologische Sicherheit beschreibt die gemeinsame Wahrnehmung innerhalb eines Teams, dass zwischenmenschliche Risiken – beispielsweise Fragen zu stellen, Unsicherheiten anzusprechen oder Fehler einzugestehen – ohne Angst vor persönlicher Herabsetzung möglich sind.

Gerade auf Baustellen ist es wichtig, dass Beschäftigte sicherheitsrelevante Bedenken offen ansprechen können.

Eine inklusive Führungskultur verbindet deshalb Wertschätzung mit klaren Anforderungen, Verantwortlichkeiten und Sicherheitsstandards.

Digitalisierung: Neue Möglichkeiten für Teilhabe

Digitale Technologien können die berufliche Bildung zugänglicher gestalten.

Mehrsprachige Lernmaterialien, visuelle Arbeitsanleitungen, digitale Lernplattformen und individuell anpassbare Lernangebote eröffnen zusätzliche Möglichkeiten.

Gerade in der Bauausbildung können Bilder, Videos und dreidimensionale Modelle helfen, komplexe Arbeitsprozesse verständlich darzustellen.

Allerdings entsteht digitale Teilhabe nicht automatisch.

Unterschiedliche technische Voraussetzungen, digitale Vorkenntnisse und Anforderungen an Barrierefreiheit müssen berücksichtigt werden.

Digitalisierung sollte deshalb so gestaltet werden, dass sie bestehende Barrieren möglichst reduziert, statt neue zu schaffen.

Fachkräftesicherung: Potenziale erkennen statt Zielgruppen ausschließen

Der Ausbildungsmarkt steht weiterhin vor Herausforderungen.

Eine BIBB-Analyse zum Ausbildungsmarkt 2025 zeigt, dass rund 84.400 junge Menschen bei ihrer Suche nach einem Ausbildungsplatz erfolglos blieben.

Gleichzeitig haben Unternehmen Schwierigkeiten, geeignete Nachwuchskräfte zu gewinnen.

Diese Situation verdeutlicht, dass Fachkräftesicherung nicht allein eine Frage der Zahl verfügbarer Bewerberinnen und Bewerber ist.

Auch die Passung zwischen Ausbildungsangeboten, Erwartungen, Zugangsmöglichkeiten und individuellen Voraussetzungen spielt eine Rolle.

Vielfaltsorientierte Nachwuchsgewinnung kann dazu beitragen, den Blick auf bislang weniger erreichte Bewerbergruppen zu erweitern.

Ob und in welchem Umfang dadurch Ausbildungsplätze besser besetzt oder Fachkräfte langfristig gebunden werden, hängt von der konkreten Umsetzung ab.

Soziale Nachhaltigkeit: Teilhabe als Zukunftsaufgabe

Nachhaltigkeit wird in der Bauwirtschaft häufig mit Energieeffizienz, Ressourcenschonung und klimafreundlichen Baustoffen verbunden.

Doch nachhaltige Entwicklung besitzt auch eine soziale Dimension.

Dazu gehören faire Arbeitsbedingungen, berufliche Entwicklungsmöglichkeiten, Gesundheit, Bildung und gesellschaftliche Teilhabe.

Eine Bauausbildung, die Menschen mit unterschiedlichen Voraussetzungen Perspektiven eröffnet, kann damit auch einen Beitrag zur sozialen Nachhaltigkeit leisten.

Die Verbindung von ökologischer, wirtschaftlicher und sozialer Verantwortung wird für zukunftsfähige Unternehmen zunehmend wichtig.

Fazit: Vielfalt entfaltet Wirkung durch Teilhabe

Aktuelle Studien und Berichte verdeutlichen, dass der Zugang zu beruflicher Bildung nicht für alle Menschen unter gleichen Bedingungen erfolgt.

Für die Bauwirtschaft eröffnet eine vielfaltsorientierte Ausbildung die Möglichkeit, zusätzliche Potenziale zu erschließen und berufliche Entwicklung breiter zugänglich zu machen.

Dazu braucht es nicht nur eine offene Haltung, sondern konkrete Maßnahmen: faire Auswahlverfahren, individuelle Lernbegleitung, barrierearme Ausbildungsangebote und eine respektvolle Führungskultur.

Denn die Zukunft der Bauwirtschaft wird nicht dadurch gesichert, dass alle Menschen die gleichen Voraussetzungen mitbringen – sondern dadurch, dass unterschiedliche Potenziale erkannt, gefördert und gemeinsam weiterentwickelt werden.

BAUCampus MV – Impuls für die Praxis

Welche Menschen erreichen wir mit unseren bisherigen Ausbildungsangeboten möglicherweise noch nicht?

Und welche Barrieren könnten wir abbauen, damit mehr Menschen ihre Fähigkeiten in der Bauwirtschaft entwickeln und einbringen können?

Diese Fragen verbinden Chancengerechtigkeit mit Ausbildungsqualität und langfristiger Fachkräftesicherung.


Bauwissen A–Z ist eine Beitragsreihe des BAUCampus MV. Sie verbindet wissenschaftliche Erkenntnisse mit aktuellen Herausforderungen der Bauwirtschaft – von Ausbildung und Führung über Digitalisierung und Nachhaltigkeit bis zu Fachkräftesicherung, Vielfalt und Teilhabe.

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