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F wie Führung – Warum gute Führung auch eine Frage der Lernkultur ist

Auf Baustellen werden täglich Entscheidungen getroffen, Arbeitsabläufe koordiniert und Menschen angeleitet. Doch erfolgreiche Führung bedeutet mehr als Organisation und Kontrolle. Sie beeinflusst auch, wie Menschen lernen, zusammenarbeiten und mit Verantwortung umgehen. Aktuelle Forschung zeigt, warum Führung für Sicherheit, Gesundheit und Kompetenzentwicklung eine wichtige Rolle spielt.

Führung in der Bauwirtschaft: Mehr als Aufgaben verteilen

Die Bauwirtschaft stellt besondere Anforderungen an Führungskräfte.

Bauprojekte sind komplex, Arbeitsprozesse greifen ineinander und unterschiedliche Gewerke müssen koordiniert werden. Gleichzeitig gehören Zeitdruck, wechselnde Arbeitsbedingungen und hohe Anforderungen an die Arbeitssicherheit zum beruflichen Alltag.

Poliere, Vorarbeiterinnen und Vorarbeiter, Bauleitungen, Ausbildende und Unternehmensverantwortliche übernehmen dabei unterschiedliche Führungsaufgaben.

Sie müssen fachliche Entscheidungen treffen, Abläufe organisieren, Konflikte lösen und Beschäftigte unterstützen.

Doch Führung beeinflusst nicht nur das unmittelbare Arbeitsergebnis.

Sie prägt auch die Frage, ob Mitarbeitende Verantwortung übernehmen, Wissen weitergeben und bereit sind, Neues zu lernen.

Gute Führung schafft deshalb nicht nur Orientierung für die tägliche Arbeit, sondern auch Bedingungen für die Entwicklung beruflicher Kompetenzen.

Was sagt die aktuelle Forschung?

Eine 2024 veröffentlichte Studie im Fachjournal Administrative Sciences untersuchte den Zusammenhang zwischen Führungsstilen und Arbeitssicherheit in der Bauwirtschaft.

Die Forschenden werteten 114 wissenschaftliche Veröffentlichungen bibliometrisch aus und führten eine Meta-Analyse von 13 Studien mit insgesamt 7.220 Teilnehmenden durch.

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass insbesondere sicherheitsorientierte transformationale Führung positiv mit Sicherheitsergebnissen verbunden ist.

Transformationale Führung beschreibt einen Ansatz, bei dem Führungskräfte Orientierung vermitteln, als Vorbilder handeln, Entwicklung fördern und Beschäftigte zur aktiven Mitgestaltung motivieren.

Die Studie zeigt damit, dass Sicherheitsführung nicht allein auf Regeln und Kontrollen reduziert werden sollte.

Gleichzeitig gilt: Eine statistische Verbindung zwischen Führungsverhalten und Sicherheitsergebnissen bedeutet nicht automatisch, dass jeder beobachtete Effekt ausschließlich durch den Führungsstil verursacht wurde.

Lernpsychologie: Führung beeinflusst, wie Menschen lernen

Führung und Lernen sind eng miteinander verbunden.

Eine 2024 veröffentlichte Literaturübersicht im Fachjournal The Learning Organization analysierte 40 wissenschaftliche Artikel zum Einfluss von Führung auf das Lernen von Einzelpersonen und Teams am Arbeitsplatz.

Als besonders bedeutsam wurden unter anderem drei Aspekte identifiziert:

  • Vorbildverhalten: Führungskräfte zeigen selbst, wie Wissen angewendet und weiterentwickelt wird.

  • Beziehungsorientierte Unterstützung: Beschäftigte erhalten Rückmeldungen, Orientierung und Unterstützung.

  • Gemeinsame Verständigung: Aufgaben, Erfahrungen und Erwartungen werden im Austausch geklärt.

Für die Bauausbildung lassen sich daraus konkrete Handlungsmöglichkeiten ableiten.

Wenn ein Ausbilder einen Arbeitsablauf nicht nur demonstriert, sondern seine Entscheidungen erklärt, können Auszubildende fachliche Zusammenhänge besser nachvollziehen.

Wenn eine Vorarbeiterin nach Abschluss einer Aufgabe gemeinsam mit dem Team bespricht, was gut funktioniert hat und was verbessert werden kann, wird praktische Erfahrung zur Lerngelegenheit.

Führung wird so zu einem Bestandteil beruflicher Bildung.

Psychologische Sicherheit: Fragen stellen und Fehler ansprechen

Ein wichtiger Forschungsbegriff aus der Organisationspsychologie ist die psychologische Sicherheit.

Er beschreibt die gemeinsame Wahrnehmung in einem Team, dass Menschen zwischenmenschliche Risiken eingehen können, ohne dafür herabgesetzt oder bloßgestellt zu werden.

Dazu gehört beispielsweise, Verständnisfragen zu stellen, Unsicherheiten zu äußern oder auf mögliche Fehler hinzuweisen.

Gerade in der Bauwirtschaft besitzt dies eine besondere Bedeutung.

Wer eine Gefahr erkennt, muss sie ansprechen können. Wer eine Arbeitsanweisung nicht verstanden hat, sollte nachfragen können.

Psychologische Sicherheit bedeutet dabei nicht, Sicherheitsvorschriften aufzuweichen oder Fehler folgenlos zu lassen.

Vielmehr geht es um eine Kommunikationskultur, in der Probleme frühzeitig sichtbar werden und fachlich bearbeitet werden können.

Eine solche Kultur kann sowohl Lernen als auch Zusammenarbeit unterstützen.

Neuropsychologie: Warum klare Führung entlasten kann

Aus der Lernpsychologie wissen wir, dass Aufmerksamkeit und Arbeitsgedächtnis begrenzte Kapazitäten besitzen.

Komplexe Aufgaben, häufige Unterbrechungen und widersprüchliche Informationen können die geistige Beanspruchung erhöhen.

Für Führungskräfte ergibt sich daraus eine praktische Konsequenz:

Arbeitsaufträge sollten verständlich formuliert, Prioritäten geklärt und Informationen passend zum Erfahrungsstand der Beschäftigten vermittelt werden.

Ein neuer Auszubildender benötigt bei einer anspruchsvollen Tätigkeit häufig eine andere Anleitung als eine erfahrene Fachkraft.

Während Einsteigerinnen und Einsteiger von schrittweisen Demonstrationen profitieren können, benötigen erfahrene Beschäftigte eher Handlungsspielräume und gezielte Informationen.

Gute Führung berücksichtigt diese Unterschiede.

Sie verbindet klare Orientierung mit angemessener Eigenverantwortung.

Arbeitssicherheit: Führung muss vorgelebt werden

Sicherheitsregeln entfalten ihre Wirkung nicht allein dadurch, dass sie schriftlich festgelegt werden.

Entscheidend ist auch, wie sie im Arbeitsalltag umgesetzt werden.

Eine weitere wissenschaftliche Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2024 im Fachjournal Safety Science wertete 44 Veröffentlichungen zur Sicherheitsführung im Bauwesen aus.

Die Forschenden kamen zu dem Ergebnis, dass die Verbindung von transformationaler und sicherheitsspezifischer transaktionaler Führung für das Sicherheitsklima und die Sicherheitsleistung relevant sein kann.

Während transformationale Führung Orientierung und Motivation betont, umfasst transaktionale Führung unter anderem klare Erwartungen, Rückmeldungen und die Überprüfung vereinbarter Standards.

Für die Baustelle bedeutet dies:

Sicherheitsbewusstsein benötigt sowohl glaubwürdige Vorbilder als auch verbindliche Regeln.

Gesundheit: Führungskräfte stehen selbst unter Druck

Führungskräfte tragen Verantwortung für Menschen, Termine, Qualität und wirtschaftliche Ergebnisse.

Diese Verantwortung kann mit erheblichen Belastungen verbunden sein.

Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) berichtet in ihrem Jahresbericht 2024 über Forschungsergebnisse zur Gesundheit von Führungskräften.

Demnach erleben Führungskräfte häufig hohe Arbeitsanforderungen, etwa durch Arbeitsintensität und Leistungsdruck.

Insbesondere operative Führungsebenen können von gesundheitlich relevanten Belastungen betroffen sein.

Für Bauunternehmen ist dies ein wichtiger Hinweis.

Gesundheitsförderliche Führung setzt voraus, dass auch Führungskräfte selbst geeignete Arbeitsbedingungen, Unterstützung und Entwicklungsmöglichkeiten erhalten.

Gute Führung ist daher nicht ausschließlich eine Frage des individuellen Verhaltens, sondern auch der betrieblichen Organisation.

Digitalisierung: Führung im technischen Wandel

Digitale Bauwerksmodelle, mobile Dokumentationssysteme und neue Kommunikationstechnologien verändern die Zusammenarbeit auf Baustellen.

Führungskräfte müssen nicht nur technische Anwendungen verstehen, sondern auch Beschäftigte bei Veränderungen begleiten.

Neue Technologien können Unsicherheiten auslösen, insbesondere wenn Arbeitsabläufe verändert werden oder unterschiedliche digitale Vorkenntnisse bestehen.

Eine lernorientierte Führung erklärt deshalb den Nutzen neuer Werkzeuge, berücksichtigt Qualifizierungsbedarfe und schafft Möglichkeiten zur praktischen Erprobung.

Digitalisierung gelingt nicht allein durch die Einführung von Software.

Sie benötigt Menschen, die Veränderungen verstehen, anwenden und gemeinsam gestalten können.

Vielfalt und Teilhabe: Unterschiedliche Stärken fördern

Bauteams bestehen aus Menschen mit unterschiedlichen beruflichen Erfahrungen, Bildungswegen, Altersgruppen und kulturellen Hintergründen.

Diese Vielfalt stellt Anforderungen an Kommunikation und Zusammenarbeit.

Führungskräfte sollten unterschiedliche Kompetenzen erkennen und Entwicklungsmöglichkeiten möglichst fair gestalten.

Dazu gehören verständliche Arbeitsanweisungen, transparente Entscheidungen und ein respektvoller Umgang.

Gerade in der Ausbildung können individuelle Lernvoraussetzungen eine wichtige Rolle spielen.

Eine inklusive Führungskultur bedeutet nicht, dass für alle Menschen unterschiedliche fachliche Standards gelten.

Sie bedeutet, dass Menschen angemessene Möglichkeiten erhalten, die gemeinsamen beruflichen Anforderungen zu erfüllen.

Nachhaltigkeit: Führung gestaltet Veränderung

Nachhaltiges Bauen erfordert neue Materialien, Verfahren und Entscheidungsprozesse.

Damit nachhaltige Praktiken im Arbeitsalltag umgesetzt werden, braucht es nicht nur Fachwissen, sondern auch klare Verantwortlichkeiten und eine entsprechende Unternehmenskultur.

Führungskräfte können dazu beitragen, dass Ressourcenschonung, Materialeffizienz und nachhaltige Arbeitsweisen als gemeinsame Aufgaben verstanden werden.

Beispielsweise können sie Mitarbeitende in Verbesserungsprozesse einbeziehen, den Erfahrungsaustausch fördern und nachhaltige Entscheidungen im Projektalltag nachvollziehbar machen.

So wird Nachhaltigkeit nicht nur zum technischen, sondern auch zum organisatorischen Lernprozess.

Fachkräftesicherung: Gute Führung unterstützt berufliche Entwicklung

Die Gewinnung und Entwicklung qualifizierter Fachkräfte ist eine langfristige Aufgabe.

Führung beeinflusst dabei, wie Beschäftigte ihren Arbeitsalltag erleben und welche Möglichkeiten sie zur Kompetenzentwicklung erhalten.

Regelmäßige Entwicklungsgespräche, konstruktive Rückmeldungen und passende Qualifizierungsangebote können berufliche Perspektiven sichtbar machen.

Besonders wichtig ist dies in der Ausbildung.

Junge Menschen lernen nicht nur einen Beruf. Sie erleben auch, wie in einem Unternehmen zusammengearbeitet, Verantwortung übernommen und mit Herausforderungen umgegangen wird.

Ob gute Führung tatsächlich zu einer geringeren Fluktuation oder zu weniger Ausbildungsabbrüchen führt, muss jeweils empirisch untersucht werden.

Sie ist jedoch ein wichtiger Bestandteil einer qualitätsorientierten Personalentwicklung.

Fazit: Führung schafft die Bedingungen für gemeinsames Lernen

Aktuelle wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass Führung mit Arbeitssicherheit, Gesundheit und Lernen am Arbeitsplatz verbunden ist.

Für die Bauwirtschaft bedeutet dies, Führungsqualität nicht allein an Terminen, Kosten oder Arbeitsergebnissen zu messen.

Auch die Entwicklung von Menschen, der Umgang mit Wissen und eine konstruktive Zusammenarbeit verdienen Aufmerksamkeit.

Führungskräfte benötigen dafür fachliche Kompetenz, Kommunikationsfähigkeit und geeignete organisatorische Rahmenbedingungen.

Denn gute Führung zeigt sich nicht nur daran, was ein Team heute erreicht – sondern auch daran, was Menschen dabei lernen und welche Fähigkeiten sie für morgen entwickeln.

BAUCampus MV – Impuls für die Praxis

Wann haben wir zuletzt mit unserem Team darüber gesprochen, was wir aus einem abgeschlossenen Bauprojekt gelernt haben?

Und wie können wir Führungskräfte dabei unterstützen, nicht nur Arbeitsabläufe zu koordinieren, sondern auch Lernprozesse, Sicherheit und berufliche Entwicklung zu fördern?

Diese Fragen verbinden Führungsqualität mit Ausbildungsqualität und der Zukunftsfähigkeit der Bauwirtschaft.


Bauwissen A–Z ist eine Beitragsreihe des BAUCampus MV. Sie verbindet wissenschaftliche Erkenntnisse mit aktuellen Herausforderungen der Bauwirtschaft – von Ausbildung und Führung über Digitalisierung und Nachhaltigkeit bis zu Fachkräftesicherung, Vielfalt und Teilhabe.

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